{"id":128,"date":"2020-12-08T17:55:34","date_gmt":"2020-12-08T17:55:34","guid":{"rendered":"http:\/\/geraldzagler.net\/?p=128"},"modified":"2023-11-24T22:27:27","modified_gmt":"2023-11-24T22:27:27","slug":"turf-mohican-banksy-und-die-kunst-des-additiven-vandalismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/geraldzagler.net\/?p=128","title":{"rendered":"Turf Mohican: Banksy und die Kunst des sanften Vandalismus"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Im Jahr 2000 verpassten Guerilla-G\u00e4rtner der ber\u00fchmten Winston-Churchill-Statue in London mittels l\u00e4nglichem Rasenst\u00fcck einen <\/strong><strong>punkigen Irokesen-Haarschnitt. Dank Steet-Art-K\u00fcnstler Banksy ist der &#8220;Vandalismus&#8221; nun ein St\u00fcck Kunstgeschichte <\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es war ein sonniger 1. Mai in London als sich am Parliament Square, neben dem Westminster Palace hunderte Menschen versammelten. Die fr\u00fchlingshaften Temperaturen erheiterten die Gem\u00fcter. Untermalt von afrikanischen Trommeln unterhielten Stra\u00dfenk\u00fcnstler die Menge. Man tratschte, schlenderte umher, oder lie\u00df sich in Gr\u00fcnfl\u00e4chen nieder. Beinahe wirkte die Szene wie ein Volksfest. Transparente, Aufn\u00e4her und Buttons verrieten aber den eigentlichen Grund des Zusammentreffens: &#8220;Capitalist Catastrophy&#8221; war zu lesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir schreiben das Jahr 2000 und die Menschen in London waren unzufrieden. Vieles auf dieser Welt schien nicht so zu laufen, wie es eigentlich sollte. Es ging den Demonstrierenden um eine gerechtere Verteilung von Verm\u00f6gen, Umweltschutz und Chancengerechtigkeit.  In der &#8220;Battle of Seattle&#8221; im Jahr zuvor, also 1999, wurden Proteste von Globalisierungsgegnern w\u00e4hrend einer Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) brutal niedergeschlagen. Im Jahr 2000 erschien Naomi Kleins Buch &#8220;No Logo&#8221;, das zu dieser Zeit als Grundlagenwerk in der kritischen Betrachtung der Global Palyers und ihrem Kampf um Marktmacht verstanden wurde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"589\" height=\"768\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/winstonchurchillpunk.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-131\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/winstonchurchillpunk.jpg 589w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/winstonchurchillpunk-230x300.jpg 230w\" sizes=\"(max-width: 589px) 85vw, 589px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 1: James Matthews\/Avant-Gardeners. Turf Mohican. Foto: punkhaux.blogspot.com<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>&#8220;Guerilla-G\u00e4rtner&#8221; pflasterten nun an diesem 1. Mai im Jahr 2000 den Asphalt des Parliament Squares mit mitgebrachtem Rasen und legten Beete an. Unter ihnen befand sich auch der 25-j\u00e4hrige Student James Matthews, der aus einer spontanen Aktion heraus die ber\u00fchmte Winston-Churchill-Statue erklomm und ein l\u00e4ngliches Rasenst\u00fcck so auf deren Kopf drapierte, dass es aussah, als w\u00fcrde das Andenken des fr\u00fchere Premiers einen punkigen Irokesenhaarschnitt tragen (Abb. 1). Die Verunstaltung zog eine Anzeige f\u00fcr Matthews nach sich, der vor Gericht zu drei\u00dfig Tage Gef\u00e4ngnis und einer Geldstrafe von 250 Pfund verurteilt wurde.* Die britische Lokalpresse berichteten davon.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gelungenes Kunstwerk<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich w\u00e4re der Fall l\u00e4ngst vergessen, h\u00e4tte nicht wenige Jahre sp\u00e4ter der ber\u00fchmte Street-Art-K\u00fcnstler Banksy mit einem Schablonen-Graffiti Bezug auf den sogenannten \u201eTurf Mohican\u201c genommen. (Abb. 2)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"460\" height=\"615\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/banksy-in-pictures-turf-war-1381405289-view-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-129\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/banksy-in-pictures-turf-war-1381405289-view-1.jpg 460w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/banksy-in-pictures-turf-war-1381405289-view-1-224x300.jpg 224w\" sizes=\"(max-width: 460px) 85vw, 460px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 2: Banksy. Turf Mohican. 2003 &#8211; Foto: heart.co.uk<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Banksy war die Aktion nichts anderes als ein gelungenes Kunstwerk. (Vgl. Art Kunstmagazin*) Die Churchill-Statue kann als \u00e4sthetisches Fertigteil, als Ready-made, verstanden werden, das durch hinzuf\u00fcgen des Rasenst\u00fccks einer Verfremdung, einem \u201ed\u00e9tournement\u201c, unterzogen wurde. Die stolze Erscheinung der Statue ist, \u00e4hnlich wie Duchamps Variation der Mona Lisa mit Schnurrbart, dem Licht der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben und provozierte das Gem\u00fct staatstreuer Briten und Britinnen. Formal entspricht das Werk also tats\u00e4chlich jenen Kriterien, die auch avantgardistische Kunstwerke auszeichnen. Noch interessanter wird der Sachverhalt dann, wenn man den Aspekt des Ortes, an dem sich die kurzlebige plastische Intervention ereignete, mit in Betracht zieht: <\/p>\n\n\n\n<p>Der Londoner Parliament Square ist ein \u00f6ffentlicher, meist von unz\u00e4hligen Touristen bev\u00f6lkerter Platz, der sich vor dem m\u00e4chtigen englischen Parlamentsgeb\u00e4ude ausbreitet. Es handelt sich also um einen Ort, an dem zun\u00e4chst traditionelle bildhauerische Werke vorzufinden sind, die zum Zweck des Andenkens an alte Machtverh\u00e4ltnisse aufgestellt wurden. Der Ort ist allerdings kein ausgewiesener Bereich, an dem ohne Zustimmung der Verwaltungsbeh\u00f6rde \u00e4sthetische Eingriffe, in welcher Art auch immer, durchgef\u00fchrt werden d\u00fcrfen. Der unautorisierte Vorfall vom Mai 2000 verdeutlicht deshalb die institutionelle Grenzziehung, in der sich der Kulturbetrieb bewegt. Der Turf Mohican steht insofern, neben den bereits angesprochenen formalen Kriterien, klar in einer avantgardistischen Tradition, als es ein \u00e4sthetisches Konstrukt ist, das in seiner Pr\u00e4senz eine Grenz\u00fcberschreitung versinnbildlicht, die gesellschaftlich nicht vorgesehen ist und auch nicht geduldet wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Das spontane Moment, in dem sich der Vorfall zutrug, kann im symbolischen Sinn als Manifestation dessen betrachtet werden, was sich etwa die Situationisten als die \u00dcberf\u00fchrung der Kunst in eine Lebenspraxis vorstellten. Ein Aspekt, der hierbei \u00fcber das Wesen eines Ready-mades hinausgeht, ist die Tatsache, dass der Sch\u00f6pfer des Kunstwerks selbst gar kein K\u00fcnstler ist. War es beim Ready-made vor allem der vom K\u00fcnstler initiierte reale Transfer eines Objektes in das Museum, was eine Defunktionalisierung, ein Abt\u00f6ten, zur Folge hatte, aber im Gegenzug eine Legitimation, eine Aufwertung zum Kunstwerk erfuhr, so handelt es sich im Falle des Turf Mohicans um ein \u00e4sthetisches Objekt in situ, welches den realen Weg ins kulturelle Archiv niemals antrat. Selbst bei der Verhandlung berief sich Matthews, um einer Strafe zu entgehen, nicht auf die Freiheit der Kunst, sondern auf die Freiheit der Meinungs\u00e4u\u00dferung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Banksy nun das Geschehene als gelungenen Akt des Vandalismus und mehr noch als Kunst bezeichnet, dann zieht er in erster Linie Parallelen zu seinem eigenen Schaffen, das er wiederum auch als Kunst betrachtet. Das hei\u00dft: Im Konkreten Fall wird nicht nur einem Objekt, sondern auch einer Handlung von au\u00dfen der Kunstbegriff herangetragen. Dar\u00fcber hinaus wird auch noch f\u00fcr eine Person der Anspruch erhoben, ein K\u00fcnstler zu sein, die f\u00fcr sich selbst diese Bezeichnung nicht beansprucht hatte. War es bei Duchamp das Urinal, ein Gebrauchsgegenstand, der die Aufwertung zur Kunst erfuhr, so ist es bei Banksy auch der tats\u00e4chliche Sch\u00f6pfer eines Objekts, der in den Status eines K\u00fcnstlers bef\u00f6rdert wird. Neben der Legitimierung seiner eigenen Arbeit, bringt er auf diese Weise den von ihm angestrebten Demokratisierungsprozess des Kunstbetriebs zum Ausdruck. Joseph Beuys Auffassung eines erweiterten Kunstbegriffs findet bei Banksy also seinen Widerhall. Anders als der situationistischen Avantgarde geht es auch Banksy nicht um eine Abschaffung der Kunst, sondern um die Grenz\u00f6ffnung zwischen kulturellem Archiv und profanem Raum. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist f\u00fcr ihn, wie f\u00fcr alle Street-Art-K\u00fcnstler, ein elit\u00e4rer, vom B\u00fcrgertum erschaffener Elfenbeinturm, der einen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung ausschlie\u00dft. Nat\u00fcrlich kann man als Gegenargument anf\u00fchren, dass im Prinzip jeder und jede die M\u00f6glichkeit hat, die \u201eheiligen Hallen\u201c der Kunst zu betreten. Praktisch existiert allerdings eine Hemmschwelle, die sich entlang gesellschaftlicher Klassenunterschiede bewegt. Pierre Bourdieu analysierte das Museumspublikum nach sozialer Herkunft, Bildungskompetenz und Geschmackspr\u00e4ferenz und bewies damit, dass die Demokratisierung der Kunst eine Heuchelei sei, weil zwar der physische Zugang zu den Museen frei ist, die Chancen auf einen geistigen Zugang zur Kunst jedoch ungleich verteilt sind. Das Museum ist somit ein Ort, wo soziale, kulturelle und  \u00f6konomische Unterschiede sichtbar gemacht werden.235 Wenn Banksy meint, dass Kunst auf der Stra\u00dfe passieren muss, dort, wo wirklich jeder und jede hinkommt, dann versieht er den Kunstbegriff untrennbar mit einem politischen Anspruch. Das \u00d6ffnen der Grenzen zwischen Museum und Alltag bedeutet in diesem Sinn n\u00e4mlich auch das Aufheben der Grenzen zwischen gesellschaftlichen Klassen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>*<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.stern.de\/kultur\/kunst\/banksy-kuenstler-auf-der-flucht-3356694.html\" target=\"_blank\">Kito Nedo. K\u00fcnstler auf der Flucht. in: Art. Das Kunstmagazin. Heft Nr. 4\/April 2007<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Weiterlesen:<br><a href=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-admin\/post.php?post=104&amp;action=edit\">Was uns Street-Art-K\u00fcnstler Banksy \u00fcber die Abgr\u00fcnde der schillernden Markenwelt lehrt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2000 verpassten Guerilla-G\u00e4rtner der ber\u00fchmten Winston-Churchill-Statue in London mittels l\u00e4nglichem Rasenst\u00fcck einen punkigen Irokesen-Haarschnitt. 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