{"id":148,"date":"2020-12-09T07:24:44","date_gmt":"2020-12-09T07:24:44","guid":{"rendered":"http:\/\/geraldzagler.net\/?p=148"},"modified":"2023-03-08T14:14:10","modified_gmt":"2023-03-08T14:14:10","slug":"gebaute-zukunft-architekt-karl-schwanzer-in-st-polten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/geraldzagler.net\/?p=148","title":{"rendered":"Gebaute Zukunft &#8211; Architekt Karl Schwanzer in St. P\u00f6lten"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Geradezu als konsequent erschien der vom Wirtschaftsf\u00f6rderungsinstitut kurz vor der Jahrtausendwende gef\u00e4llte Entschluss, den sogenannten \u201eWifi-Turm\u201c in St. P\u00f6lten abzurei\u00dfen. Der 54 Meter hohe Beton-Koloss nahe der Westautobahn war in die Jahre gekommen. Die br\u00f6ckelnde Fassade und das beengende Innenleben machten ihn zu einem unliebsamen Relikt aus einer anderen Zeit. Die Ausstellung \u201eGebaute Zukunft \u2013 Karl Schwanzer in St. P\u00f6lten\u201c im Stadtmuseum St. P\u00f6lten w\u00fcrdigte mit Karl Schwanzer einen der bedeutendsten Architekten \u00d6sterreichs des 20. Jahrhunderts. 2018 w\u00e4re er 100 Jahre als geworden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"732\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/03_056_WIFI-StP\u00f6lten_0044-732x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-157\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/03_056_WIFI-StP\u00f6lten_0044-732x1024.jpg 732w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/03_056_WIFI-StP\u00f6lten_0044-214x300.jpg 214w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/03_056_WIFI-StP\u00f6lten_0044-768x1074.jpg 768w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/03_056_WIFI-StP\u00f6lten_0044-1098x1536.jpg 1098w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/03_056_WIFI-StP\u00f6lten_0044-1464x2048.jpg 1464w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/03_056_WIFI-StP\u00f6lten_0044-1200x1679.jpg 1200w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/03_056_WIFI-StP\u00f6lten_0044-scaled.jpg 1830w\" sizes=\"(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wifi-Turm St. P\u00f6lten. Erbaut 1972, abgerissen 1999. Architekt: Karl Schwanzer &#8211; Foto: Wifi Archiv<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Von Montreal bis Wien, von M\u00fcnchen bis Brasilia: Karl Schwanzers Werke gelten als Ikonen der Architektur. Es sind Charakter-Bauten, die sich stilistisch nicht miteinander vergleichen lassen. Allen liegt eine, je nach Anforderung h\u00f6chst individuelle Formensprache zugrunde. Auch der Wifi-Turm war in diesem Sinn einzigartig. Wie ein riesiger Monolith schrieb sich das einstige Internatsgeb\u00e4ude in das suburbane Stadtbild St. P\u00f6ltens und zeugte weithin sichtbar von einem Fortschrittsglauben, der das wirtschaftlich prosperierende \u00d6sterreich in den 1960er-Jahren erfasste. Das Baumaterial Beton in seiner rohen Anmut unterstrich den modernistischen Anspruch. Karl Schwanzer sch\u00e4tzte die plastischen Qualit\u00e4ten des \u201egegossenen Steins\u201c. Den Turm erschuf er gleichsam als Wohnskulptur.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ebenfalls von Schwanzer f\u00fcr St. P\u00f6lten zeitgleich entworfene Lehr- und Werkst\u00e4ttengeb\u00e4ude des Wifi ist inzwischen denkmalgesch\u00fctzt. Wie steht die Stadt zu diesem Erbe? Zur Er\u00f6ffnung im Jahr 1972 blickten die Menschen gebannt in die Zukunft. Rasante technische Entwicklungen erforderten ein entsprechendes Modell der Aus- und Weiterbildung. Schon damals ging das Wifi davon aus, dass erlerntes Wissen bereits in kurzer Zeit wieder \u201e\u00fcberaltet\u201c sein w\u00fcrde. Auch die Architektur blieb von diesen Ver\u00e4nderungen nicht ausgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt rund um das Jahr 2000 war eine andere als jene 30 Jahre davor. Jede Epoche habe auch Substanz geopfert, um Neues entstehen zu lassen, meinte einst Karl Schwanzer. Dass gerade eines seiner Bauwerke diesem Grundsatz zum Opfer fiel darf als tragische Ironie gewertet werden. Neben der Baugeschichte beleuchtet das Stadtmuseum daher die damaligen Positionen in der Diskussion um die Erhaltung des Wifi-Turms.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 29. September 1972 wurde vom damaligen nieder\u00f6sterreichischen Landeshauptmann Andreas Maurer der neu geschaffene Geb\u00e4udekomplex des Wirtschaftsf\u00f6rderungsinstituts in St. P\u00f6lten seiner Bestimmung \u00fcbergeben. Mehrere hundert Festg\u00e4ste konnten sich in einer \u201eEr\u00f6ffnungsshow\u201c mit neuester Medientechnik \u00fcber das erfolgreich abgeschlossene Bauprojekt informieren. Am Anfang stand ein Schreiben des Bundeskanzlers Julius Raab, das gro\u00dfformatig via Dia an die Wand projiziert wurde. Datiert auf 1958 richtete er sich darin mit der freundschaftlichen Bitte an das Wirtschaftsf\u00f6rderungsinstitut, ein Schulungszentrum, das f\u00fcr Nieder\u00f6sterreich in Planung war, in St. P\u00f6lten und nicht anderswo zu errichten. Nicht nur, weil er selbst Sohn der Stadt sei, sondern weil er die zentrale Lage f\u00fcr \u201ezweckm\u00e4\u00dfig\u201c erachtete. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"898\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5117-1024x898.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-159\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5117-1024x898.jpg 1024w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5117-300x263.jpg 300w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5117-768x674.jpg 768w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5117-1536x1348.jpg 1536w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5117-2048x1797.jpg 2048w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5117-1200x1053.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Brief des Bundeskanzlers Julius Raab an das Wifi, 1958 &#8211; Kopie: Wifi Archiv<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sein Wort hatte Gewicht. Als erster Pr\u00e4sident der nach dem Zweiten Weltkrieg gegr\u00fcndeten Handelskammer wandte er sich an seinesgleichen. Welcher der beiden von Raab genannten Beweggr\u00fcnde f\u00fcr die Wirtschaftskammer nun \u00fcberzeugender war, ist heute schwer nachzuvollziehen. Letzterer scheint f\u00fcr die Standortentscheidung jedenfalls plausibler, denn noch im selben Jahr, 1958, wurde St. P\u00f6lten an die Westautobahn angeschlossen und war somit f\u00fcr umliegende Bezirke und Gemeinden besser erreichbar.<\/p>\n\n\n\n<p>1965 kam es zur \u00f6ffentlichen Ausschreibung, f\u00fcr die schlie\u00dflich Karl Schwanzer den Zuschlag erhielt. Kurz zuvor konnte der Architekt bereits f\u00fcr die Wirtschaftskammer in Wien den Bau eines Institutsgeb\u00e4udes erfolgreich umsetzen. In St. P\u00f6lten sei der renommierte Architekt nach Schilderungen seines Sohns Martin Schwanzer zun\u00e4chst erz\u00fcrnt gewesen, weil Mitarbeiter des Ateliers in dessen Abwesenheit f\u00fcr den Wettbewerb eingereicht h\u00e4tten und dem nicht genug, diesen auch noch ohne sein Zutun f\u00fcr sich entschieden. Es musste aus seiner Sicht also gehandelt werden. Was zun\u00e4chst bedeutete: zur\u00fcck an den Start. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundstruktur des Entwurfs blieb zwar erhalten, der Rest wurde g\u00e4nzlich \u00fcberarbeitet und mit Schwanzers individueller Handschrift versehen. Vier Jahre dauerte es ab dem Spatenstich am 18. April 1968, bis das Lehr- und Werkst\u00e4ttengeb\u00e4ude sowie das angrenzende G\u00e4stehaus verwirklicht wurden. Die Bauphase fiel in eine Zeit gelebten Zukunftsglaubens. Utopien technischer und sozialer Natur wurden nicht nur erdacht sondern tats\u00e4chlich ausformuliert und gelebt. Die westliche Nachkriegsgeneration ging gegen konservativ-patriarchale Gesellschaftsnormen auf die Stra\u00dfe. Nasa-Raketen brachten in der Apollo-Mission die ersten Menschen zum Mond. Geschichtstr\u00e4chtige Bilder, die \u00fcbers Fernsehen nachhause geliefert wurden, legten Zeugnis davon ab. Befremdend und faszinierend wie eine Mondlandung musste es auch f\u00fcr die St. P\u00f6ltner gewesen sein, als der futuristische Beton-Komplex des Wifi am s\u00fcdlichen neu zu bebauenden Stadtrand inmitten von Feldern und Wiesen allm\u00e4hlich Gestalt annahm. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"513\" height=\"352\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Bauarbeiten_WIFI.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-158\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Bauarbeiten_WIFI.jpg 513w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Bauarbeiten_WIFI-300x206.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 513px) 85vw, 513px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Baustelle Wirtschaftsf\u00f6rderungsinstitut St. P\u00f6lten, 1970 &#8211; Foto: Wifi Archiv<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nicht nur in Wien sondern auch in anderen Bundesl\u00e4ndern hatte die Wirtschaftskammer bereits Institutsgeb\u00e4ude errichten lassen. Nun sollte in Nieder\u00f6sterreich eines der bisher umfangreichsten Bauprojekte verwirklicht werden. Die Kostensch\u00e4tzungen beliefen sich zwischen 180 und 200 Millionen Schilling. 83.900 Kubikmeter Betonschalung wurden verbaut. Angesichts der enormen Ausma\u00dfe herrschte anfangs in der Bev\u00f6lkerung Skepsis, ob das Geb\u00e4ude nicht zu gro\u00df geraten sei. Die gute Auslastung bewies aber schon bald, dass die Bauherrn in den richtigen Dimensionen gedacht hatten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das neue Lernen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zur Er\u00f6ffnung im besagten Jahr 1972 berichteten Presse, Rundfunk und Fernsehen von einem der \u201emodernsten Schulungszentren \u00d6sterreichs\u201c<a href=\"#_edn1\">[1]<\/a>. Das Wifi setzte damit einen \u201eMarkstein f\u00fcr die Wirtschaft\u201c<a href=\"#_edn2\">[2]<\/a>, der unabdingbar f\u00fcr den Fortschritt w\u00e4re. Denn \u201eeine gediegene berufliche Ausbildung\u201c<a href=\"#_edn3\">[3]<\/a> sei die sicherste Grundlage f\u00fcr den sp\u00e4teren Erfolg im Leben. Viele Befunde, die heute den gefl\u00fcgelten Begriff der Digitalisierung und Technisierung vor sich hertragen finden sich, wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen, in der Rhetorik der 1960er- und 1970er-Jahre. Schon damals wurde die Zeit als schnelllebig empfunden. Technische Weiterentwicklungen w\u00fcrden stetig zu ver\u00e4nderten Anforderungen im beruflichen Alltag f\u00fchren. Wissen m\u00fcsse daher st\u00e4ndig neu angeeignet werden, damit Unternehmer und Mitarbeiter \u201ediese Entwicklung beherrschen und nicht von ihr \u00fcberrollt werden.\u201c<a href=\"#_edn4\">[4]<\/a> In Bildung erkannte man den Schl\u00fcssel zu einem gelungenen Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Motto \u201edas neue Lernen\u201c sah sich das Wifi mit dem repr\u00e4sentativen Neubau in St. P\u00f6lten auf der H\u00f6he der Zeit. In \u00fcber 20 Hauptwerkst\u00e4tten und einigen Nebenwerkst\u00e4tten wurden um die 70 Fachgruppen unterrichtet. Von der B\u00e4ckerei und Fleischerei \u00fcber Kunststoff- und Metallverarbeitung bis hin zur Friseur- und Kfz-Werkst\u00e4tte. 16 Lehrs\u00e4le waren f\u00fcr Theoriekurse vorgesehen. Ein Blick in das vielf\u00e4ltige Kursangebot zum Er\u00f6ffnungsjahr l\u00e4sst den Willen zu neuer Methodik und die Offenheit f\u00fcr aktuelle Entwicklungen erkennen.<a href=\"#_edn5\">[5]<\/a> In der Lehre kamen Film, Tondiaschau und Tonbandger\u00e4t zum Einsatz. Im Management-Lehrgang gab es Seminareinheiten zu Gruppendynamik und Systemtheorie. In der Datenverarbeitung und B\u00fcroorganisation setzte man auf neueste elektronische Hilfsmittel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eigenwillig und Modern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eModern\u201c, \u201ezweckm\u00e4\u00dfig\u201c und \u201eeigenwillig\u201c waren die Attribute, die dem neu er\u00f6ffneten Wifi-Geb\u00e4ude in St. P\u00f6lten zugeschrieben wurden. \u201eVorbildlich geplant\u201c sei der Neubau nach fachm\u00e4nnischer Einsch\u00e4tzung der \u00d6sterreichischen Bauzeitung und bei aller Sachlichkeit habe er \u201e\u2019Atmosph\u00e4re\u2019 und Herz\u201c, meinte der B\u00f6rsenkurier.<a href=\"#_edn6\">[6]<\/a> Karl Schwanzer hatte dem wohl nichts entgegenzusetzen. Der Architekt aus Leidenschaft, wie er sich selbst in seiner 1973 ver\u00f6ffentlichten Retrospektive zu erkennen gab, f\u00fchlte sich wahrscheinlich mit letzterer Feststellung am ehesten verstanden. Bei aller Technokratie, die ein Bauprojekt mit sich bringt sah er im Menschlich-Emotionalen die eigentliche Wirkungskraft worauf ein Architekt hinarbeiten sollte. \u201eDie Architektur ist materialisierte Poesie. Das Bauen ist kalter Journalimus.\u201c<a href=\"#_edn7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"614\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/3663-sk05-30-karl-schwanzer-100-ausstellung-stadtmuseum-1-1024x614.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-161\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/3663-sk05-30-karl-schwanzer-100-ausstellung-stadtmuseum-1-1024x614.jpg 1024w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/3663-sk05-30-karl-schwanzer-100-ausstellung-stadtmuseum-1-300x180.jpg 300w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/3663-sk05-30-karl-schwanzer-100-ausstellung-stadtmuseum-1-768x460.jpg 768w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/3663-sk05-30-karl-schwanzer-100-ausstellung-stadtmuseum-1-1536x921.jpg 1536w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/3663-sk05-30-karl-schwanzer-100-ausstellung-stadtmuseum-1-1200x719.jpg 1200w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/3663-sk05-30-karl-schwanzer-100-ausstellung-stadtmuseum-1.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Karl Schwanzer vor dem Modell des Wifi St. P\u00f6lten &#8211; Foto: Stadtarchiv St. P\u00f6lten<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1941 promovierte er an der Technischen Hochschule in Wien und arbeitete nach dem Krieg als Assistent bei Oswald Haerdtl an der Universit\u00e4t f\u00fcr Angewandte Kunst. Erste Reisen brachten ihn nach Z\u00fcrich und Kanada. Paris, empfand er trotz Nachkriegsnot als prachtvoll und stimulierend. Ausstellungsbauten f\u00fcr verschiedenste Messen waren ihm seine erste praktische und bestimmende Schule, wie er selbst meinte.<a href=\"#_edn8\">[8]<\/a> Das Proportionsverhalten von K\u00f6rper und R\u00e4umen und die Wirksamkeit von Details, waren grundlegende Erkenntnisse, die ihm f\u00fcr sp\u00e4tere Projekte n\u00fctzlich sein sollten. 1955 gewann Karl Schwanzer den Wettbewerb zum \u00d6sterreich-Pavillon f\u00fcr die Weltausstellung, die drei Jahre sp\u00e4ter in Br\u00fcssel stattfand. F\u00fcr das in leichter, offener Glas- und Stahlbauweise ausgef\u00fchrte Geb\u00e4ude erhielt er den Grand Prix f\u00fcr Architektur. Ab nun ging alles sehr schnell. Es folgten Auszeichnungen der Republik \u00d6sterreich und der Stadt Wien. Zudem kam der Ruf als ordentlicher Professor f\u00fcr Geb\u00e4udelehre und Entwerfen an die Technische Hochschule in Wien. Gastprofessuren f\u00fchrten ihn unter anderem nach Dortmund, Budapest, Darmstadt und Riad. Der \u00d6sterreich-Pavillon als nunmehr preisgekr\u00f6ntes Werk wurde in den Schweizergarten nahe dem Wiener S\u00fcdbahnhof \u00fcbersiedelt und zum Ort der Kunst adaptiert. Im ehemaligen Museum des 20. Jahrhunderts befindet sich heute das Belvedere 21.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/174152B_ONB_-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-169\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/174152B_ONB_-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/174152B_ONB_-300x300.jpg 300w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/174152B_ONB_-150x150.jpg 150w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/174152B_ONB_-768x768.jpg 768w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/174152B_ONB_-1200x1200.jpg 1200w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/174152B_ONB_.jpg 1535w\" sizes=\"(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Weltausstellung 1958: \u00f6sterreichischer Pavillon: Au\u00dfenansicht. Architekt: Karl Schwanzer &#8211; Foto: \u00d6NB<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Karl Schwanzer, dessen Atelier zunehmend expandierte, wurde fortan mit prestigetr\u00e4chtigen Auftr\u00e4gen betraut. Als bekannteste Arbeiten gelten das 1962 bis 1964 errichtete Philips-Haus in Wien, der \u00d6sterreich-Pavillon f\u00fcr die Weltausstellung in Montreal 1967 und das parallel zum Wifi in St. P\u00f6lten entstandene BMW-Verwaltungsgeb\u00e4ude samt Parkhaus und Museum in M\u00fcnchen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Architektur der Geb\u00e4ude keiner linearen Entwicklung folgen, oder mehr noch ein verbindender Stil abzulesen w\u00e4re. Je nach Anforderung und funktionaler Gegebenheit suchte Schwanzer nach der individuellen Note, die dem Geb\u00e4ude eine formale Eigenst\u00e4ndigkeit verlieh. Bei den vier Zylindern des BMW-Verwaltungsgeb\u00e4udes ging es dem Architekten in erster Linie darum, dem Motorenwerk inmitten der heterogenen Fabrikslandschaft ein wiedererkennbares Gesicht zu geben. F\u00fcr bautechnische L\u00f6sungen orientierte sich Schwanzer an den neuesten Entwicklungen und blickte daf\u00fcr \u00fcber Europa hinaus in die Welt. Mit der Internationalit\u00e4t, die Karl Schwanzer stets suchte, wollte er auch seine Studenten und Studentinnen anstecken. 1964 gab es erstmals an der Technischen Hochschule Wien eine Studienreise in die USA. Au\u00dferdem f\u00fchrte er an seinem Institut die Gruppenarbeit ein, woraus wegweisende Architekten-Gemeinschaften wie \u201eCoop Himmelblau\u201c oder \u201eMissing Link\u201c hervorgingen. Das Architektenlexikon weist Karl Schwanzer deshalb als einen der wichtigsten Impulsgeber der zeitgen\u00f6ssischen Architektur \u00d6sterreich aus.<a href=\"#_edn9\">[9]<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"661\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/4_cilindros_de_BMW_M\u00fanich_Alemania1-661x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-165\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/4_cilindros_de_BMW_M\u00fanich_Alemania1-661x1024.jpg 661w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/4_cilindros_de_BMW_M\u00fanich_Alemania1-194x300.jpg 194w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/4_cilindros_de_BMW_M\u00fanich_Alemania1-768x1189.jpg 768w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/4_cilindros_de_BMW_M\u00fanich_Alemania1-992x1536.jpg 992w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/4_cilindros_de_BMW_M\u00fanich_Alemania1-1323x2048.jpg 1323w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/4_cilindros_de_BMW_M\u00fanich_Alemania1-1200x1858.jpg 1200w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/4_cilindros_de_BMW_M\u00fanich_Alemania1-scaled.jpg 1653w\" sizes=\"(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">BMW-Verwaltungsgeb\u00e4ude M\u00fcnchen, Architekt: Karl Schwanzer &#8211; Foto: Diego D<em><strong>elso,&nbsp;<a href=\"http:\/\/delso.photo\/\">delso.photo<\/a>, License&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/legalcode\">CC-BY-SA<\/a><\/strong><\/em>&#8221; <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die im Atelier Schwanzer heraufbeschworene Leidenschaft f\u00fcr die gestaltete Umwelt war in vielerlei Hinsicht au\u00dferordentlich. Neben der hohen planerischen Qualit\u00e4t, ist die Affinit\u00e4t zu einer umfassenden Projektdokumentation hervorzuheben. Modul, eine vom B\u00fcro publizierte Zeitschrift, lieferte Werkberichte zu abgeschlossenen sowie in Planung und Bau befindlichen Projekten. Erg\u00e4nzt wurden diese mit theoretischen Artikeln zu den verschiedensten Themen auf dem Gebiet der Architektur. Die im Jahr 1972 erschienene f\u00fcnfte Ausgabe widmete sich dem gerade erst fertiggestellten Wifi-Geb\u00e4ude in St. P\u00f6lten. Technische und architektonische Ausf\u00fchrungen anhand von Berichten und tabellarischer Auflistungen von Zahlen, Daten, Fakten finden sich darin ebenso, wie Pl\u00e4ne und Fotos des damaligen Neubaus. <\/p>\n\n\n\n<p>Da die Schwerwerkst\u00e4tten ein spezielles Fundament erforderten, war schnell klar, dass das Institutsgeb\u00e4ude in Form eines Flachbaus umgesetzt werden musste. Die somit sehr breit angelegten Lehr- und Werkstattgruppen sind mit Pausenh\u00f6fen aufgelockert. Eine augenscheinliche Besonderheit ist der im Obergescho\u00df gelegene Besuchergang, der im Inneren durch Glasscheiben hindurch einen Einblick in den Werkst\u00e4ttenbetrieb gew\u00e4hrt. Nach au\u00dfen sichtbar durchzieht er die kammartige Struktur des Nordtrakts \u00fcber die gesamte L\u00e4nge und definiert dessen charakteristisches Erscheinungsbild. Die Br\u00fccken, freiliegende Verbindungselemente, deren Kanten zu einer oktogonalen Form abgeschr\u00e4gt sind, erscheinen wie ineinandergreifende Module einer Raumstation. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5145-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-168\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5145-1-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5145-1-300x225.jpg 300w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5145-1-768x576.jpg 768w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5145-1-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5145-1-2048x1536.jpg 2048w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5145-1-1200x900.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Lehr- und Werkst\u00e4ttengeb\u00e4ude Wifi St. P\u00f6lten. &#8211; Foto: Gerald Zagler<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Diese Wirkung setzt sich im Inneren des weitl\u00e4ufigen Korridors fort. Bis ins kleinste Detail einer T\u00fcrschnalle ist das Geb\u00e4ude durchkonzipiert. T\u00fcren, M\u00f6bel und Tische, die ebenfalls aus der Hand des Architekten stammten treten zu der gebauten Umgebung in Bezug.  Bei den Treppen treffen mit dem Holz der Handl\u00e4ufe, den betonierten Seitenteilen und dem Marmorboden drei Materialien unmittelbar aufeinander. Norbert Huse sieht in seinem Gutachten von 2011, das schlie\u00dflich auch den Status des Wifi als denkmalgesch\u00fctztes Haus untermauerte, \u201eeine K\u00fcnstlerhand, die hier gestaltete\u201c. Denn das Collagieren so unterschiedlicher Stoffe, das eine edel, das andere ruppig, das eine der Natur entstammend, das andere industriell gefertigt, sei alles andere als selbstverst\u00e4ndlich.<a href=\"#_edn10\">[10]<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5144-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-166\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5144-768x1024.jpg 768w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5144-225x300.jpg 225w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5144-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5144-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5144-1200x1600.jpg 1200w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_5144-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Marmor, Beton und Holz: Karl Schwanzer collagierte im Wifi St. P\u00f6lten verschiedenste Materialien. &#8211; Foto: Gerald Zagler<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Anders als in der bildenden Kunst liegt der Architektur immer das funktionale Bed\u00fcrfnis des gestalteten Lebensraums zugrunde. Jenseits von Rei\u00dfbrettern ist es meist eine Vielzahl an Faktoren, die sich an den Ideen des Planers reiben. Der harschen Witterung an W\u00fcnschen und Forderungen seitens der Auftraggeber ausgesetzt, laufen gro\u00dfe Gesten Gefahr, im Wechselspiel der Interessen zu erodieren. Architekten k\u00f6nnen hier in ein epochen\u00fcbergreifendes Klagelied einstimmen. Anders herum, wenn auch vielleicht seltener, er\u00f6ffnen \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde ab und an M\u00f6glichkeiten, die den kreativen Gestaltungsprozess in eine neue, f\u00fcr alle Seiten gewinnbringende Richtung treiben. So \u00e4hnlich muss es Karl Schwanzer w\u00e4hrend der Planungsphase f\u00fcr das Wifi in St. P\u00f6lten ergangen sein, als die Idee aufkam, durch den Zukauf eines angrenzenden Grundst\u00fccks, das G\u00e4stehaus vom Lehr- und Werkst\u00e4ttengeb\u00e4ude zu trennen und forthin als kontrapunktisches Ensemble nebeneinanderzustellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier das breit, horizontal angelegte Institut, dort der in die H\u00f6he strebende Internatsturm. Allein der \u00fcberschaubaren Bebauungsfl\u00e4che war es also geschuldet, dass sich f\u00fcr Schwanzer die \u201eNotwendigkeit der Ausbildung eines turmartigen Hochhauses\u201c aufdr\u00e4ngte.<a href=\"#_edn11\">[11]<\/a> Funktionaler Nutzen und \u00e4sthetische Ausformung fanden sich in kongenialer Eintracht. Einerseits wurde der Forderung des Bauherrn Rechnung getragen, die Zimmerbelegung flexibel zu halten und strikt zwischen m\u00e4nnlichen und weiblichen Kursteilnehmern zu trennen. Andererseits wurde eine \u201enicht zu untersch\u00e4tzende Nebenwirkung\u201c erreicht, wie Karl Schwanzer meinte, weil der \u201eturmartige Bauk\u00f6rper nunmehr auch von der nahen Autobahn her als charakteristisches Merkmal des Instituts klar und eindrucksvoll zu erkennen ist.\u201c<a href=\"#_edn12\">[12]<\/a> St. P\u00f6lten bekam mit dem Wifi-Turm ein neues, modernes Wahrzeichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hochhaus bestand aus zwei T\u00fcrmen mit quadratischem Grundriss, die zueinander versetzt ausgerichtet waren. Ein schm\u00e4lerer Liftschacht beziehungsweise ein Stiegenhaus diente als Verbindendes Element. Innen herrschte nach Beschreibungen von Zeitzeugen kl\u00f6sterliche Enge. Die f\u00fcr die Kursteilnehmer und -teilnehmerinnen geschaffenen Einzelzimmer waren auf ein Mindestma\u00df bemessen. Gerademal ein schmales Bett, ein Schrank und ein kleiner Schreibtisch fanden darin Platz. Dazwischen waren aber gro\u00dfz\u00fcgiger angelegte Wohnr\u00e4ume, die gemeinschaftlich genutzt wurden. In den 18 Gescho\u00dfen konnten insgesamt 250 Personen untergebracht werden. Erreichbar war das G\u00e4stehaus vom Institutsgeb\u00e4ude durch einen unterirdischen Gang. Dem Portier war es vorbehalten, auf die vom Wifi vorgegebene strikte Geschlechtertrennung zu achten. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon vor der Er\u00f6ffnung stie\u00df dieser Aspekt auf Kritik. Die Kronen-Zeitung wies darauf hin, dass die Architekten mit dem Liftschacht einen \u201eKeuschheitsg\u00fcrtel\u201c eingebaut h\u00e4tten: \u201eDamen links und Herren rechts.\u201c <a href=\"#_edn13\">[13]<\/a> Nur der Direktor k\u00f6nne die Verbindungst\u00fcren zwischen den beiden H\u00e4lften des Geb\u00e4udes mit einem Spezialschl\u00fcssel \u00f6ffnen. In einem Schreiben, verfasst von der Union H\u00f6herer Sch\u00fcler, die im Jahr 1976 im Zuge eines Kongresses im Wifi-Turm n\u00e4chtigte, wurde dem Unmut zu diesem Thema Ausdruck verliehen: Nach Ansicht der Delegierten stellte die Trennung in einen Frauen- und M\u00e4nnertrakt einen \u201el\u00e4cherlichen Versuch\u201c dar, \u201esich in das Privatleben der G\u00e4ste einzumischen\u201c, was einige der Delegierten als \u201erepressiv und spie\u00dfb\u00fcrgerlich\u201c bezeichnet h\u00e4tten. Man appelliere also an die Verantwortlichen des Wifi St. P\u00f6lten, \u201evon derartigen Ma\u00dfnahmen in Hinkunft nach M\u00f6glichkeit abzusehen.\u201c<a href=\"#_edn14\">[14]<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht das Trennende war es jedoch, das den Wifi-Turm \u00fcber St. P\u00f6lten hinaus bekannt machte. Vielmehr war es seine physische Pr\u00e4senz, die er nach au\u00dfen hin entfaltete. Karl Schwanzer ordnete Module wie Bausteine \u00fcbereinander. Die sich daraus ergebenden Wiederholungen spezifischer Bauelemente wie etwa Fensterreihen, Erker und Loggias f\u00fchrten zu einer Rhythmisierung des gesamten Bauk\u00f6rpers \u2013 von Fassade alleine konnte wegen der Plastizit\u00e4t, die durch Vertiefungen und Erhebungen nochmals verst\u00e4rkt wurde, eigentlich nicht mehr die Rede sein. \u00dcber \u00d6sterreich hinaus gab es zu dieser Zeit kein vergleichbares Werk.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wohnskulptur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Formgebung sowohl des Lehr- und Werkst\u00e4ttengeb\u00e4udes, also auch des Internatsturms war die Materialauswahl ausschlaggebend. Sie beschr\u00e4nkte sich auf wenige einheitliche Komponenten. Nach au\u00dfen hin bestimmt Sichtbeton das Erscheinungsbild. Gerade die M\u00f6glichkeit des \u201elebendigen Gestaltens\u201c war es, die Karl Schwanzer an dem gegossenen Material zu sch\u00e4tzen wusste. \u201eGenauso wie der Bildhauer unter Verwendung negativer Form das Bildwerk schafft, macht die Betontechnologie unserer Epoche es fast unbegrenzt m\u00f6glich, Plastik und Bauwerk in einer Einheit zu schaffen.\u201c<a href=\"#_edn15\">[15]<\/a> Wichtig sei es, die urspr\u00fcngliche Entstehung und die innere Struktur entsprechend der Form oder Schalung, die zur Herstellung verwendet wird, zu erfassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Beton zeigt also die Struktur des Negativs, das prim\u00e4r zur Formgebung hergestellt werden muss, und hat dessen Oberfl\u00e4chenstruktur.<a href=\"#_edn16\">[16]<\/a> Mit dem Abdruck der Holzmaserung verweist der schalreine Beton auf jene Bretter, die ihn einst fassten. Der Fertigungsprozess ist in der Textur des Geb\u00e4udes fest eingeschrieben. Karl Schwanzer sah um 1970 in den Entwicklungen des Bauens mit Stahlbeton einen \u201evorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt\u201c<a href=\"#_edn17\">[17]<\/a>, der es f\u00fcr St. P\u00f6lten erm\u00f6glichte Funktion und Plastik in gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit zu bringen. Gro\u00dfes Vorbild im Einsatz des Sichtbetons war ihm Le Corbusier. Dieser \u201estellte die Plastik und die Idee des Bauwerkes vor den Wunsch nach Exaktheit und handwerklicher Ausf\u00fchrungsqualit\u00e4t.\u201c<a href=\"#_edn18\">[18]<\/a> Le Corbusier gilt als der erste Architekt, der die \u00c4sthetik des schalreinen Betons zu sch\u00e4tzen wusste. All jene, dem Material eigenen Spezifika waren f\u00fcr ihn fortan nicht mehr zu kaschieren. Die unbehandelte Textur verweist in ihrer rohen Unmittelbarkeit auf die formgebende Substanz, aus der der Bauk\u00f6rper besteht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Brutalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vom Franz\u00f6sischen \u201ab\u00e9ton brut\u2019, also roher Beton, leitet sich auch der Stilbegriff des Brutalismus ab, dem der englische Architekturkritiker Reyner Banham<a href=\"#_edn19\">[19]<\/a> sowie die Architekten Alison und Peter Smithson ab der 1950er-Jahre in diversen Publikationen Ausdruck verliehen. Der Brutalismus als Baustil breitet sich rasch \u00fcber alle Kontinente aus. \u00dcber genaue Definitionen, was denn nun brutalistische Architektur kennzeichne herrscht allerdings Uneinigkeit. Oliver Elser, Kurator der Ausstellung \u201eSOS Brutalismus\u201c, die 2018 im Architekturzentrum Wien gezeigt wurde, unternimmt den Versuch einer zeitgem\u00e4\u00dfen Systematisierung. In Sozialen Medien wie Instagram und Facebook verortet er eine neue Wertsch\u00e4tzung der Geb\u00e4ude. Die fast 60.000 Mitglieder der Brutalism Appreciation Society teilen Fotos zu besagter Architektur. Brutalismus sei dort aber zum Synonym f\u00fcr jegliche Bauten aus Sichtbetons geworden: \u201eganz unabh\u00e4ngig davon, wann, wo und f\u00fcr welche Zwecke sie gebaut wurden.\u201c<a href=\"#_edn20\">[20]<\/a> Jenseits der Sichtbeton-Fassade oder sonstigem Einsatz \u201eunveredelter\u201c Materialien geht es allerdings auch immer um die Sichtbarmachung der Konstruktion verbunden mit dem durchaus politisch motivierten Impetus zu mutigem, \u201erhetorischem\u201c Gestalten. Der Brutalismus ist in diesem Sinn als Statement zu verstehen, das sich von der allzu zur\u00fcckhaltenden Architektur des Wiederaufbaus der Nachkriegsjahre abheben wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die rohe K\u00f6rperlichkeit dieser speziellen Bauwerke polarisiert bis heute die Menschen. Entweder man liebt den ungeschminkten Blick in die tiefe Seele der Architektur, oder man empfindet die Expressivit\u00e4t als anma\u00dfend und hasst sie daf\u00fcr. Nur selten begegnet man den Beton-Kolossen jedoch mit Gleichg\u00fcltigkeit. Ab den 1990er-Jahren waren die einst zukunftsweisenden Bauten in die Jahre gekommen. Als Relikte einer vergangenen Zeit, scheinen sie von einer anderen Zukunft zu erz\u00e4hlen als der eigenen. Parallel zum Verblassen alter Visionen begannen die Beton-Fassaden zu br\u00f6ckeln. Die unliebsam gewordenen \u201eMonster\u201c<a href=\"#_edn21\">[21]<\/a> waren fortan vom Abriss bedroht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Problem der Instandhaltung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei allen Vorteilen standen hinter dem Baustoff Beton in den 1960er-Jahren noch viele Fragezeichen. Man st\u00fctzte sich auf praktische Erfahrungswerte und bauwissenschaftliche Erkenntnisse, nicht alle Variablen konnten allerdings einer eindeutigen L\u00f6sung zugef\u00fchrt werden. Ob der Betonbau den erw\u00fcnschten technischen Anforderungen in Belastung und Haltbarkeit tats\u00e4chlich entsprach, sollte sich oftmals erst nach Jahren und Jahrzehnten herausstellen. Die Denkmalpflegerin und Bauforscherin Ute Hassler meinte dazu: \u201eDer gro\u00dfe Erfolg der neuen Technik (Anm.: Stahlbeton) \u2013 ihre schnelle Durchsetzung in der Breite \u2013 kehrte sich zum Ende des 20. Jahrhunderts daher um in ein Breitenproblem der Erhaltung: Viele Betonbauwerke m\u00fcssen saniert und instand gesetzt werden.\u201c<a href=\"#_edn22\">[22]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kam das Problem, dass auch nach 1950 Konstruktionen eher nach Ma\u00dfgaben des Bauprozesses und der Herstellungskosten optimiert wurden, weniger nach ihrer vermuteten Dauerhaftigkeit. Karl Schwanzer hatte sich im Zuge des Wifi-Baus in St. P\u00f6lten eingehend mit der Problematik besch\u00e4ftigt. Bauphysikalische Einfl\u00fcsse seien unbedingt zu ber\u00fccksichtigen. Aus verschiedenen Spannungsbeanspruchungen k\u00f6nnten Risse entstehen, die \u201edie Standfestigkeit prim\u00e4r in keiner Weise beeintr\u00e4chtigen, jedoch das Bauwerk oder den Bauk\u00f6rper unansehnlich machen und ihn in weiterer Folge den Witterungseinfl\u00fcssen unkontrollierbar aussetzen.\u201c<a href=\"#_edn23\">[23]<\/a> Es seien also, so Karl Schwanzer, unbedingt noch die Schwind- und Termperaturspannungen zu ber\u00fccksichtigen, wobei sich die Qualit\u00e4t der Bausubstanz auch durch die zur Verf\u00fcgung stehenden finanziellen Mitteln des Auftraggebers definierte. Schwanzer blickte auf die Schweiz, die einen deutlich h\u00f6heren Zuschlag an Stahlanteile praktizierte. Um gro\u00dfe Fehler in der Ausf\u00fchrung zu vermeiden pl\u00e4dierte Schwanzer f\u00fcr eine \u201eentsprechende \u00d6ffentlichkeitsarbeit in alle Richtungen\u201c.<a href=\"#_edn24\">[24]<\/a>&nbsp; F\u00fcr Berechnungen bed\u00fcrfe es k\u00fcnftig einer verst\u00e4rkten wissenschaftlichen Beratung, da ja nicht jede Baustelle mit einem Baustellenlaboratorium ausger\u00fcstet werden k\u00f6nne. Noch zu Schwanzers Lebzeiten, also wenige Jahre nach Fertigstellung des Wifi in St. P\u00f6lten, traten die ersten baulichen M\u00e4ngel auf und der Architekt sah sich mit unangenehmen Vorw\u00fcrfen seitens der Wirtschaftskammer konfrontiert. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ungl\u00fcck und Abriss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Laut eines Berichts in der Wochenzeitschrift Profil gab es am Geb\u00e4ude Probleme mit \u00dcberdachungen und an den Fenstern.<a href=\"#_edn25\">[25]<\/a> Der daraus resultierende Millionenprozess gegen Karl Schwanzer h\u00e4tte Pr\u00e4zedenz-Charakter: \u201eErstmals meidet ein potenter Bauherr (Anm.: die Wirtschaftskammer) das bisher usuelle Gez\u00e4nk mit Professionisten und klagt den Architekten selber an.\u201c<a href=\"#_edn26\">[26]<\/a> Das Wifi-Geb\u00e4ude in St. P\u00f6lten war ins schiefe Licht ger\u00fcckt. Eine Reihe von Misserfolgen soll Karl Schwanzer, einer der einflussreichsten \u00f6sterreichischen Architekten seiner Zeit, in den Selbstmord getrieben haben. Der tragische Vorfall im August 1975 stie\u00df auf starkes mediales Echo. Nur allzu verk\u00fcrzend und verzerrend wurde das Bild des unvermeidlichen Schlusspunkts einer beruflichen Abw\u00e4rtsspirale konstruiert. Bis heute h\u00e4lt sich das Ger\u00fccht, dass der Tod Karl Schwanzers in unmittelbarem Zusammenhang mit den ungl\u00fccklichen Umst\u00e4nden rund um das Wifi in St. P\u00f6lten st\u00fcnde. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Architekt befand sich wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung. Mutma\u00dfungen \u00fcber etwaige Ursachen sind angesichts dieser schwerwiegenden Erkrankung heute genauso wenig zielf\u00fchrend wie sie es damals waren. Selbst meinte er, dass er ungl\u00fccklich sei, wenn er nicht genug arbeite und dass Arbeit auch mit Erfolg verbunden sein m\u00fcsse. Aber woran sieht man den Erfolg? \u201eIn der Befriedigung, etwas geschaffen zu haben, das Gestalt hat, das nun existent und vorher nicht vorhanden war.\u201c<a href=\"#_edn27\">[27]<\/a> Nat\u00fcrlich geh\u00f6rten auch Entt\u00e4uschung und Niedergeschlagenheit, wenn man seine Vorstellungen nicht erreicht hat, dazu, genau so wie die erhabene Genugtuung, Verwirklichungen erreicht zu haben. Karl Schwanzer strebte stets nach der besten L\u00f6sung. Qualit\u00e4t ging vor Verdienst. Fast ein halbes Jahrhundert nach Fertigstellung finden diese Tugenden auch in der ausgekl\u00fcgelten Architektur des Wifi St. P\u00f6lten ihren Widerhall.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum es 1999 zum Abriss des Internatsturms kam wird auch heute noch in Fachkreisen diskutiert. Es hei\u00dft, der Aufschrei sei ausgeblieben und es mangelte an Bewusstsein \u00fcber die au\u00dferordentliche Qualit\u00e4t des Geb\u00e4udes. Dr. Werner Kitlitschka, damaliger Landeskonservator f\u00fcr Nieder\u00f6sterreich trauere nach eigenen Aussagen dem Wifi-Turm heute noch nach. Es war ein Interessenskonflikt in dem das Denkmalamt schlie\u00dflich den W\u00fcnschen des Bauherrn nachgab und somit emblematisch f\u00fcr das Schicksal so mancher gro\u00dfartiger Nachkriegsgeb\u00e4ude steht. &nbsp;Schon l\u00e4ngere Zeit war das Wifi mit dem Internatsturm nicht mehr gl\u00fccklich. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach rund 25-j\u00e4hrigem Bestehen sei die Sichtbetonfassade derart abgewittert, dass sich bereits Betonteile abgel\u00f6st h\u00e4tten und abgest\u00fcrzt w\u00e4ren. Die h\u00f6here Mobilit\u00e4t der Kursteilnehmer und Kursteilnehmerinnen h\u00e4tten zu einer geringeren Auslastung gef\u00fchrt. Au\u00dferdem erschienen die kleinen zellenartigen Unterk\u00fcnfte nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. Im Zuge einer geplanten Erweiterung des Wifi St. P\u00f6lten stellte die Wirtschaftskammer am 5. August 1996 daher einen Antrag an das Bundesdenkmalamt zur Feststellung, dass kein \u00f6ffentliches Interesse an dem Geb\u00e4ude besteht und daher abgerissen werden kann. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video controls src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ITV_Kitlitschka_Final.mp4\"><\/video><figcaption class=\"wp-element-caption\">Prof. Werner Kitlitschka \u00fcber den Wifi-Turm, 2018 &#8211; Video: Gerald Zagler<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Wissen um die Bedeutung Karl Schwanzers wurde vom Landeskonservator Kitlitschka einer der hervorragendsten Kenner der \u00f6sterreichischen Nachkriegsarchitektur, Friedrich Achleitner, mit einem Gutachten beauftragt. In seinem Befund unterstreicht er die Tatsache, dass es zur Zeit der Errichtung, als auch sp\u00e4ter, in \u00d6sterreich kein Hochhaus gab, das so betont nach architektonischen und k\u00fcnstlerischen, plastischen Grunds\u00e4tzen gestaltet sei.<a href=\"#_edn28\">[28]<\/a> Der schlechte Zustand der Fassade bed\u00fcrfe einer soliden Oberfl\u00e4chensanierung, die, wenn auch kostspielig, technisch m\u00f6glich w\u00e4re. Die Umwidmung der einzelnen Stockwerke f\u00fcr andere Nutzungen erscheine ihm nicht problematisch. Achleitner stellte fest, dass das Wifi offensichtlich schon zum Bau- und Kulturgutbestand der neuen Landeshauptstadt St. P\u00f6lten geh\u00f6re und zumindest von der Fachwelt nicht mehr in Frage gestellt werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund dieser Einsch\u00e4tzung lehnte das Bundesdenkmalamt den Antrag der Wirtschaftskammer zun\u00e4chst ab. Auch in den Medien wurde davon berichtet, dass eine angedachte Sprengung des Wifi-Turms untersagt sei.<a href=\"#_edn29\">[29]<\/a> Die Wirtschaftskammer reagiert und brachte in einem Schreiben ihre kontr\u00e4ren Interessen zum Ausdruck. Sie respektiere zwar die Entscheidung, verweise aber auf die reale Sachlage in Hinblick auf mangelnde M\u00f6glichkeiten einer sinnvollen Nachnutzung und vor allem in Hinblick auf die au\u00dferordentliche finanzielle Belastung, die eine Sanierung mit sich bringen w\u00fcrde. Immerhin h\u00e4tte diese in etwa 65 Millionen Schilling betragen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem technischen Gutachten vom 26. Mai 1997 des Oberbaurats DI G\u00fcnter Graf sah sich dann allerdings das Wifi best\u00e4tigt. Der Befund war f\u00fcr den Turm vernichtend. \u201eDer zweifelsfrei qualit\u00e4tvollen Architektur steht ein nicht vertretbares Ma\u00df an Gebrauchsuntauglichkeit gegen\u00fcber.\u201c<a href=\"#_edn30\">[30]<\/a> Mangelnde Sicherheitsvorschriften h\u00e4tten den Bau eines zus\u00e4tzlichen Stiegenhauses zur Folge. Au\u00dferdem fehlt es an der n\u00f6tigen Bauhygiene und W\u00e4rmed\u00e4mmung. All die Ma\u00dfnahmen zur baulichen Adaptierung h\u00e4tten zur Folge, dass das Geb\u00e4ude nicht mehr als Entwurf Karl Schwanzers zu erkennen sein w\u00fcrde. Betraf dieses Gutachten haupts\u00e4chlich das Innere des Turms, befasste sich ein zweites technisches Gutachten vom 18. Dezember 1997 mit dem Zustand der Betonfassade. Die Bautechnischen Pr\u00fcf- und Versuchsanstalt GmbH unter der Leitung von Dr. Roland Travnicek erkl\u00e4rte darin, dass unter entsprechendem Aufwand eine Renovierung der Fassade zwar m\u00f6glich sei, aber \u201edie erforderliche Beschichtung w\u00fcrde durch ihre einheitliche Struktur und ihre fl\u00e4cheneinheitliche Farbgebung den urspr\u00fcnglichen Sichtbetoncharakter des Bauwerks nicht mehr wiedergeben.\u201c<a href=\"#_edn31\">[31]<\/a> Unter R\u00fccksichtnahme der technischen Gutachten wurde dem Antrag der Wirtschaftskammer Nieder\u00f6sterreich am 11. Februar 1998 schlie\u00dflich stattgegeben. Im darauffolgenden Jahr verschwand der Wifi-Turm aus dem St. P\u00f6ltner Stadtbild.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte man den Turm bei gleicher Sachlage heute abgerissen? Wahrscheinlich nicht, meint das Denkmalamt. Der konservatorische Umgang mit dem Baustoff Beton habe sich in den letzten 20 Jahren wesentlich verbessert. Auf die Erhaltung moderner Architektur sei man heute st\u00e4rker sensibilisiert. Dem gegen\u00fcber steht der Bauherr, der zur Instandhaltung verpflichtet ist. Baubeh\u00f6rdliche Auflagen wie Brandschutzverordnungen, sowie Adaptierungen auf zeitgem\u00e4\u00dfe Standards, wie etwa die Klimatisierung von Lehrr\u00e4umen stellen das Wifi immer wieder vor Herausforderungen. Mit Bewunderung spricht heute der Architekt Wolfgang Pfoser, dessen Vater Mitte der 1980er-Jahre die Aufstockung des Lehr- und Werkst\u00e4ttengeb\u00e4udes vornahm, von der konsequenten Rasterung, die heute noch eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Flexibilit\u00e4t erm\u00f6glicht. Der Geist Karl Schwanzers ist noch gegenw\u00e4rtig. Manchmal stark verfremdet, manchmal in all seiner Unmittelbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Architekturexperte Prof. Norbert Huse meinte in seinem Gutachten abschlie\u00dfend: \u201eAuch in seinem heutigen, geschichtlich gepr\u00e4gten Zustand ist er in der Konzeption wie in der Ausf\u00fchrung aus ausl\u00e4ndischer Sicht ein unverwechselbarer und deshalb unverzichtbarer Teil des \u0152vres von Karl Schwanzer, das dank seiner Qualit\u00e4t und seine Originalit\u00e4t zu den gro\u00dfen architektonischen Leistungen der Nachkriegszeit in \u00d6sterreich geh\u00f6rt. Somit ist der Bau auch ein wesentlicher Teil des gesamt\u00f6sterreichischen, nicht allein des regionalen baulichen Erbes. Die Verluste (Turm) werden teilweise durch die gute bis sehr gute Erhaltung des Inneren kompensiert, die f\u00fcr einen Bau dieser Zeit alles andere als selbstverst\u00e4ndlich ist und schon f\u00fcr sich das bemerkenswerte Zeugnis einer selten gewordenen Baukultur darstellt. Der in St. P\u00f6lten erhaltene Bau ist der gelungene und kulturell bedeutsame Beweis, dass ambitionierte Baukunst und Alltagstauglichkeit keine Widerspr\u00fcche sein m\u00fcssen.\u201c<a href=\"#_edn32\">[32]<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Publikation entstand f\u00fcr die Ausstellung &#8220;Gebaute Zukunft &#8211; Karl Schwanzer und St. P\u00f6lten&#8221; im Stadtmuseum St. P\u00f6lten, 2018.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\">[1]<\/a> Die Wirtschaft. 4.9.1972<br><a href=\"#_ednref2\">[2]<\/a> N\u00d6N, 3.10.1972<br><a href=\"#_ednref3\">[3]<\/a> \u00d6sterreichische Raiffeisen-Zeitung, 20. 10. 1972<br><a href=\"#_ednref4\">[4]<\/a> Modul, 5\/1972, Vorwort Wifi-Institutsleiter Otto Bernau<br><a href=\"#_ednref5\">[5]<\/a> Wifi Veranstaltungsprogramm 1972\/1973, Wien 1972<br><a href=\"#_ednref6\">[6]<\/a> B\u00f6rsenkurier, 26. 9. 1972<br><a href=\"#_ednref7\">[7]<\/a> Schwanzer Karl, Architektur aus Leidenschaft \u2013 25 Jahre Arbeit Karl Schwanzer, Modulverlag, Wien\/M\u00fcnchen 1973, S. 8<br><a href=\"#_ednref8\">[8]<\/a> Schwanzer Karl, Architektur aus Leidenschaft \u2013 25 Jahre Arbeit Karl Schwanzer, Modulverlag, Wien\/M\u00fcnchen 1973, S. 5<br><a href=\"#_ednref9\">[9]<\/a> http:\/\/www.architektenlexikon.at\/de\/1400.htm<br><a href=\"#_ednref10\">[10]<\/a> Huse Norbert, Wifi St. P\u00f6lten, Gutachten, M\u00fcnchen 2011<br><a href=\"#_ednref11\">[11]<\/a> Modul \u2013 Werkbericht Atelier Architekt Professor Karl Schwanzer, 5. Ausgabe, Wien 1972, S. 16<br><a href=\"#_ednref12\">[12]<\/a> ebd., S. 16<br><a href=\"#_ednref13\">[13]<\/a> Kronen-Zeitung, 27.9.2018<br><a href=\"#_ednref14\">[14]<\/a> Brief \u201eResolution des Sch\u00fclerkongresses \u00fcber das Wifi St. P\u00f6lten\u201c, 1976<br><a href=\"#_ednref15\">[15]<\/a> Modul \u2013 Werkbericht Atelier Architekt Professor Karl Schwanzer, 5. Ausgabe, Wien 1972, S. 2<br><a href=\"#_ednref16\">[16]<\/a> ebd., S. 34<br><a href=\"#_ednref17\">[17]<\/a> ebd., S. 2<br><a href=\"#_ednref18\">[18]<\/a> ebd., S. 35<br><a href=\"#_ednref19\">[19]<\/a> Reyner Banham, Brutalismus in der Architektur, \u00c4thik oder \u00c4sthetik, Stuttgart 1966<br><a href=\"#_ednref20\">[20]<\/a> Elser Oliver, Just what is it that makes Brutalism today so appealing? \u2013 Eine neue Definition aus internationaler Perspektive S.15-19, in: SOS Brutalismus \u2013 Eine internationale Bestandsaufnahme\u201c, Park Books, Z\u00fcrich 2017, S. 15<br><a href=\"#_ednref21\">[21]<\/a> SOS Brutalismus \u2013 Rettet die Betonmonster, Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt\/Main sowie im Architekturzentrum Wien<br><a href=\"#_ednref22\">[22]<\/a> Hassler Uta (Hg.), Kierdorf Alexander, Was Architekten von Stahlbeton wissen sollten \u00ad\u2013 Ein Leitfaden f\u00fcr Denkmalpfleger, Gta-Verlag, Z\u00fcrich 2010, S. 8<br><a href=\"#_ednref23\">[23]<\/a> Modul \u2013 Werkbericht Atelier Architekt Professor Karl Schwanzer, 5. Ausgabe, Wien 1972, S. 35<br><a href=\"#_ednref24\">[24]<\/a> ebd., S. 35<br><a href=\"#_ednref25\">[25]<\/a> \u201eDas Verhexte Haus\u201c, Profil Nr. 33, 13. 8. 1975, 6. Jg., S. 42-43<br><a href=\"#_ednref26\">[26]<\/a> \u201eEndstation Sehnsucht\u201c, Profil Nr. 35, 27. 8. 1975, 6. Jg., S. 36-43<br><a href=\"#_ednref27\">[27]<\/a> Schwanzer Karl, Architektur aus Leidenschaft \u2013 25 Jahre Arbeit Karl Schwanzer, Modulverlag, Wien\/M\u00fcnchen 1973, S. 4<br><a href=\"#_ednref28\">[28]<\/a> Achleitner Friedrich, Gutachten Internatsgeb\u00e4ude Wifi St. P\u00f6lten, 29. 12. 1996<br><a href=\"#_ednref29\">[29]<\/a> zB. Nieder\u00f6sterreichische Nachrichten, Woche 07\/1997, Kurier 5. 2. 1997, Die Presse, 25. 2. 1997<br><a href=\"#_ednref30\">[30]<\/a> Graf G\u00fcnter, Gutachten Internatsgeb\u00e4ude Wirtschaftskammer Nieder\u00f6sterreich, 26. 5. 1997<br><a href=\"#_ednref31\">[31]<\/a> Travnicek Roland, Gutachten zur Instandsetzung von Stahlbeton \u2013 Objekt Wifi-St. P\u00f6lten, G\u00e4stehaus, 18. 12. 1997<br><a href=\"#_ednref32\">[32]<\/a> Huse Norbert, Wifi St. P\u00f6lten, Gutachten, M\u00fcnchen 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geradezu als konsequent erschien der vom Wirtschaftsf\u00f6rderungsinstitut kurz vor der Jahrtausendwende gef\u00e4llte Entschluss, den sogenannten \u201eWifi-Turm\u201c in St. P\u00f6lten abzurei\u00dfen. Der 54 Meter hohe Beton-Koloss nahe der Westautobahn war in die Jahre gekommen. Die br\u00f6ckelnde Fassade und das beengende Innenleben machten ihn zu einem unliebsamen Relikt aus einer anderen Zeit. 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