{"id":195,"date":"2023-03-04T10:29:34","date_gmt":"2023-03-04T10:29:34","guid":{"rendered":"http:\/\/geraldzagler.net\/?p=195"},"modified":"2023-11-24T22:27:31","modified_gmt":"2023-11-24T22:27:31","slug":"loam-tonindustrie-scheibbs-reenacted","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/geraldzagler.net\/?p=195","title":{"rendered":"LOAM &#8211; Tonindustrie Scheibbs reenacted"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Ausstellung LOAM &#8211; Re: Tonindustrie Scheibbs wirft im Rahmen des Viertelfestivals 2021 ein Schlaglicht auf die Sammlung des Keramikmuseums Scheibbs. Zeitgen\u00f6ssische Kunst tritt in Dialog zu den Ausstellungsst\u00fccken und deren Geschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Auf Scheibbserinnen und Scheibbser musste damals in den 1920er-Jahren das Grundst\u00fcck des Ludwig Weinbrenner exotisch gewirkt haben. Der Sohn eines Wiener Gro\u00dfg\u00e4rtners, erwarb nach dem Ersten Weltkrieg den Gutshof Scheibbsbachhof nahe dem Stadtzentrum, f\u00fchrte dort eine kleine Landwirtschaft, z\u00fcchtete Kakteen und Orchideen. Zwischen den Glash\u00e4usern mit seltenen Pflanzen aus fernen L\u00e4ndern stand ein Japanisches Teehaus. Weinbrenner war, bevor es ihn ins Mostviertel verschlug, weit herumgekommen. Als Wiener Stadtg\u00e4rtner wurde er eingeladen, an einer kaiserlich-k\u00f6niglichen Exkursion nach Asien teilzunehmen. Er bereiste Japan, China und Sumatra. Begeistert von dieser andersartigen Kultur, brachte er zahlreiche Souvenirs mit nachhause.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine anmutige Welt, die er sich in Scheibbs einrichtete. G\u00e4ste verw\u00f6hnte er mit seinen Kochk\u00fcnsten und franz\u00f6sischem Wein, der in F\u00e4ssern vor seinem Haus lagerte. Er hielt Schweine, H\u00fchner und stellte Marmelade her. Wiener Hotels waren Abnehmer seiner Produkte.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Ludwig_Weinbrenner-1-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-216\" width=\"398\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Ludwig_Weinbrenner-1-edited.jpg 700w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Ludwig_Weinbrenner-1-edited-300x300.jpg 300w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Ludwig_Weinbrenner-1-edited-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ludwig Weinbrenner 1920 fotografiert in einem Gew\u00e4chshaus am Scheibbsbachhof. <br>(c) &#8211; zur Verf\u00fcgung gestellt von Hans Hagen Hottenroth<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p><strong>WELTGEWANDT<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und dann war da dieser Lehmklumpen, den Weinbrenner laut \u00dcberlieferung eines Tages auf seinem Grundst\u00fcck aus ausgehobener Erde herausnahm, in seinen H\u00e4nden knetete und meinte, dass man daraus etwas machen k\u00f6nne. Die Episode bietet den Stoff f\u00fcr eine gro\u00dfe Erz\u00e4hlung, denn Lehm oder \u201eLoam\u201c wie es im Mostviertler Volksmund auch hei\u00dft ist ein Material, in dem die ganze Welt schlummert. Weinbrenner ging auf Tuchf\u00fchlung mit dieser biblischen Urmaterie. Das Einwirken der H\u00e4nde ist eine zutiefst sinnliche Handlung, die dem Material Lehm wiederum Sinn verleiht. Einmal in Form gebracht, wei\u00df sich der objektgewordene Rohstoff zu artikulieren. Noch vor der Geschichtsschreibung sind es Keramiken, die uns von fr\u00fcher erz\u00e4hlen. Kultur ist eine Sprache, eine Technik der Verst\u00e4ndigung, die Identit\u00e4t schafft und Menschen zu Regionen und Kulturkreisen verbindet. Kultur kann aber auch trennen, n\u00e4mlich dann, wenn das Eigene \u00fcber das Andere gestellt wird. Begriffe wie Nation und Heimat wurden in diesem Sinn immer wieder missbr\u00e4uchlich eingesetzt. Die Sprache erweist sich hier als \u00e4u\u00dferst sensibles Instrument, das je nach Gesinnung sehr eigenwillige Auslegungen zul\u00e4sst und daher immer wieder aufs Neue verhandelt werden muss. Ludwig Weinbrenner war in einen monarchistischen Vielv\u00f6lkerstaat hineingeboren und verlie\u00df Anfang der 1930er-Jahre einen durch den Ersten Weltkrieg zerfahrenen Kontinent, in dem sich politisch eine dunkle Wolke zusammenbraute. Stefan Zweig, ebenso wie Weinbrenner Jahrgang 1881, beschrieb als Chronist diesen epochalen Wandel, den seine Generation durchmachte. Durch die aufkeimenden Nationalismen sah er \u201edie Bl\u00fcte der europ\u00e4ischen Kultur vergiftet\u201c und blickte mit Wehmut auf jene Zeit zur\u00fcck, in der die L\u00e4nder offen standen und er ohne Schranken reisen konnte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zweig verstand sich als Europ\u00e4er und Kosmopolit. Diese Weltsicht teilte Ludwig Weinbrenner mit ihm. Er war in Scheibbs ans\u00e4ssig, pflegte aber einen Lebensstil, dessen Geste \u00fcber sein unmittelbares Umfeld hinausdeutete. Der Ausstellungstitel \u201eLoam\u201c verweist auf diese Verbindung von Regionalem mit Globalem, denn der Begriff ist nicht nur im nieder\u00f6sterreichischen Mostviertel gel\u00e4ufig, sondern findet sich in gleicher Schreibweise mit exakt der gleichen Bedeutung im Englischen wieder, jener Sprache mit der sich heute die ganze Welt verst\u00e4ndigt, sei es in Wirtschaft, Forschung oder auch Kultur.&nbsp; Dass die globalen Verflechtungen nicht immer dem Ideal der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung dienen, sondern Hegemonien untermauern und Ungleichheit schaffen, ist ein Makel, \u00fcber den die Profiteure bis heute allzu gerne hinwegblickten. Zunehmende Migrationsbewegungen und Umweltkatastrophen zeigen allerdings, dass die einst moralische Systemfrage immer st\u00e4rker zu einer geopolitischen Problemstellung wird. Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse sind in Bewegung geraten, westliche Industriel\u00e4nder m\u00fcssen umdenken. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>DAS SCH\u00d6NE LEBEN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eThink global, act local\u201c, lautet schon seit Jahrzehnten ein gefl\u00fcgeltes Credo der Globalisierungskritik, das sich \u00fcber Landesgrenzen hinweg in der Weltsprache durchgesetzt hat.&nbsp;Im Kleinen handeln, aber die Welt dabei mitdenken, ist eine Idee, die dem schottischen \u00d6kologen und Soziologen Patrick Geddes zugeschrieben wird. Er gilt als Pionier der Stadtplanung und f\u00fchrte den Begriff \u201eRegion\u201c als Richtgr\u00f6\u00dfe im Feld der Architektur ein. Geddes legte in seinen \u00dcberlegungen den Fokus auf den Menschen in seiner Lebensumwelt, die sich um 1900, gepr\u00e4gt von der Industrialisierung, stark ver\u00e4ndert hatte. Soziale Prozesse und das Befinden jedes und jeder Einzelnen, davon war er \u00fcberzeugt, seien stark von r\u00e4umlichen Strukturen abh\u00e4ngig. Es kann kein Zufall sein, dass sich gerade in Gro\u00dfbritannien, dem Land, in dem das dampfende R\u00e4derwerk der Industrie seinen Anfang nahm, mit \u201eArts and Craft\u201c auch eine erste Gegenbewegung herausbildete. Vor allem K\u00fcnstler und Architekten formulierten schon im 19. Jahrhunderts ihr Bed\u00fcrfnis nach einer R\u00fcckbesinnung auf die Qualit\u00e4ten des Handwerks, weil sie maschinell erzeugte Produkte als seelenlos empfanden. \u201eArts and Craft\u201c wurde zu einer Lebenseinstellung, die \u00fcber das Produktdesign hinausging und die Verbindung zwischen Kunst, Gesellschaft und Arbeit suchte. Auch in den USA wurden die Ideen bald aufgegriffen. In Frankreich entstand Art Nouveau, in Deutschland der Deutsche Werkbund und sp\u00e4ter auch Bauhaus. In Wien wurde 1867 die Kunstgewerbeschule gegr\u00fcndet, aus deren Dunstkreis sich Jahrzehnte sp\u00e4ter 1903 die Wiener Werkst\u00e4tte formierte. Die Gr\u00fcnder Josef Hoffmann, Koloman Moser und der Unternehmer Fritz Waerndorfer verfolgten die Idee eines Gesamtkunstwerks. Alles sollte neugestaltet werden, das Sch\u00f6ne, der gute Geschmack, alle Lebensbereiche durchdringen. In der Neustiftgasse in Wien entstand ein sehr offenes Experimentierlabor f\u00fcr alle m\u00f6glichen kunsthandwerklichen Disziplinen: von M\u00f6bel \u00fcber Stoffe, Mode, Metallverarbeitung und Glas bis hin eben zu Kunstkeramik. Diese erlebte vor allem unter Michael Powolny einen Aufschwung, seitdem er an der Kunstgewerbeschule unterrichtete. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler wechselten von der Ausbildung direkt in die Produktion der Wiener Werkst\u00e4tte und in andere Keramikwerkst\u00e4tten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"751\" height=\"570\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Gudrun_Baudisch.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-200\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Gudrun_Baudisch.jpeg 751w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Gudrun_Baudisch-300x228.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">K\u00f6pfe von Gudrun Baudisch 1924. Fotorechte: Hans Hagen Hottenroth<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch Ludwig Weinbrenner klopfte bei Powolny an, um junge Fachkr\u00e4fte f\u00fcr die neu gegr\u00fcndete Tonindustrie Scheibbs zu gewinnen, darunter auch viele Frauen wie Gudrun Baudisch oder Helene D\u00f6rr und Hilde Heger, die den Stil der Scheibbser Keramik Mitte der 1920er-Jahre pr\u00e4gten. Walter Bosse kam ebenso nach Scheibbs wie Josef Hoffmann, von dem ein Entwurf f\u00fcr eine Vase stammt. Die Kontakte der Tonindustrie Scheibbs zur Wiener Werkst\u00e4tte waren fortan so eng, dass sogar eine Reihe von Objekten mit dem Scheibbser Stempel und dem der Wiener Werkst\u00e4tte gemarkt sind.&nbsp;\u00dcber das Netzwerk nach Wien erfolgte auch der Vertrieb der in Scheibbs produzierten Ware. 1924 kaufte Ludwig Weinbrenner st\u00fcckweise das Areal der insolventen Weichguss- und Achsenfabrik Gai\u00dfmayer &amp; Sch\u00fcrhagel in Heuberg bei Scheibbs und \u00fcbernahm viele der arbeitslosen Eisenarbeiter. Insgesamt waren es fast 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die f\u00fcr die Tonindustrie Scheibbs t\u00e4tig waren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Weinbrenner zielte mit seiner Produktion auf den internationalen Markt ab. Ein Gro\u00dfteil der Keramiken wurde in die USA exportiert, von wo ab Mitte der 1990er-Jahre Hans Hagen Hottenroth gemeinsam mit seiner Frau Johanna Hottenroth viele Objekte f\u00fcr ihre Sammlung wieder zur\u00fcckholte. \u00dcber viele Jahre folgte das Ehepaar jeder Spur und setzten ein Puzzleteil neben das andere, sodass diese Welt von Gestern f\u00fcr sp\u00e4tere Generationen bald wieder greifbar werden sollte. \u201eWie von einem anderen Stern\u201c, beschrieb Hans Hagen Hottenroth begeistert sein Empfinden gegen\u00fcber dieser expressiven Formensprache. Bis heute haben die in frech aufgetragenen Glasuren auf \u00dcbert\u00f6pfe, Kerzenleuchter, Sch\u00fcssel, Vasen und figurale Arbeiten an Strahlkraft nichts eingeb\u00fc\u00dft. In den Keramiken, die im Keramikmuseum Scheibbs gezeigt werden, steckt das Regionale und das Weltumspannende.&nbsp;Die Ausstellung LOAM m\u00f6chte zu dieser Kraft, die den Objekten innewohnt in Dialog treten und die Anmut aufleben lassen, die Ludwig Weinbrenner hier an diesem Ort einst pflegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Uli Aigner schuf mit ihren Porzellanarbeiten einen neuen Knotenpunkt des globalen Netzwerkes ihrer ONE-MILLION-Serie. F\u00fcr das Museum erzeugte sie \u201eEchos\u201c auf drei Formen aus der Sammlung. Dar\u00fcber hinaus fand ein von ihr geschaffenes monumentales Porzellangef\u00e4\u00df mit mehr als zwei Meter H\u00f6he den Weg von China \u00fcber das Wiener Belvedere zum nunmehr permanenten Standort im Foyer des Landesklinikums Scheibbs. Clemens Auer entwickelte mit seiner Neuinterpretation eines Mostplutzers und eines Mostkrugs mond\u00e4ne Formen f\u00fcr zwei sehr regionalspezifische Gef\u00e4\u00dfe. Christiana Lugbauer widmet sich mit experimentellen Glasuren der Kraftvollen Wechselbeziehung zwischen Form und Oberfl\u00e4che. Kristin Weissenberger umkreist mittels Abbild, Abdruck und Nachahmung die Historie der Tonindustrie. Yuki Higashino praktiziert die Weltl\u00e4ufigkeit in Zusammenarbeit mit seinem Vater Avi Beraha, der in seiner Keramikproduktion in Japan zwei Objekte f\u00fcr die Ausstellung ausf\u00fchrte. Und Ines Hochgerner denkt mit druckgrafischen Mitteln \u00fcber unterschiedliche Momente in der Herstellung, der Verwendung, des Sammelns, Ordnens und des Zeigens von Keramik nach.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"682\" height=\"1024\" data-id=\"205\" src=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Loam-Re-TonindustrieScheibbs_Clemens_Auer_Christiana_Lugbauer_Foto_c_Janine-Schranz-682x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-205\" srcset=\"http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Loam-Re-TonindustrieScheibbs_Clemens_Auer_Christiana_Lugbauer_Foto_c_Janine-Schranz-682x1024.jpg 682w, http:\/\/geraldzagler.net\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Loam-Re-TonindustrieScheibbs_Clemens_Auer_Christiana_Lugbauer_Foto_c_Janine-Schranz-200x300.jpg 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